Wie Hayeks swatch car bei VW scheiterte

Herr Hayek war es, der die Schweizer Uhrenindustrie wieder ins Rollen gebracht hatte. Zuvor war sie von den Japanern stark durchgeschüttelt worden und hatte große Marktanteile verloren. Dank ihm wurde swatch das Beispiel einer Europäischen Industrie, welche durch Ihre Neuausrichtung eine konkurrenzlose Dynamik erlebt. In einem Interview sagt er, dass swatch bringt, was er verspricht:

"Höchste Qualität, tiefster Preis, Provokation und Spaß am Leben."


Da er ein guter Geschäftsmann war, wusste er, dass er mit seinem aktuellen Bekanntheitsgrad und seinem Namen etwas machen musste.


Die Japaner fluteten den Markt mit ihrer Massenproduktion und das taten sie bei den Uhren so wie bei den Autos. Es war also eigentlich kein weiter Sprung. Augenscheinlich musste Herr Hayek nur machen, was er zuvor mit den Uhren gemacht hatte. Daher beim Auto auch das gleiche Motto, welches er schon bei den Uhren hatte: Höchste Qualität, tiefster Preis, Provokation und Spaß am Leben. Meines Erachtens ein Motto, welches smart auch noch heute haben sollte.

Laut eigener Aussage war seine Motivation hier aber nicht nur wirtschaftlicher Natur, er konnte sich durchaus auch für den Umweltschutz begeistern. Aus diesem Grund kam noch die Voraussetzung hinzu, es müsste ökologisch sein.


Tatsächlich hatte er zuvor auch schon als Entwicklungsberater für Volkswagen, Daimler Benz und Ford gearbeitet. Er wusste also eigentlich sehr gut, worauf er sich da einließ. Andersrum hatte er auf diese Weise außerdem schon so manchen Kontakt hier und da, was ihm sicherlich den Start auch etwas vereinfachte.



Der Beginn alleine


Bevor Herr Hayek auf Tour ging, um sich zu erkundigen, welcher Hersteller ihn unterstützen möchte, wollte er erstmal selbst etwas vorführfähiges auf die Räder stellen. Heute würde man so etwas vermutlich als Conceptcar bezeichnen. Hierfür baute er sich ein neues Team aus swatch-Mitarbeitern, übernahm den Erfinder der swatch-Uhr und baute um ihn ein Team aus jungen Leuten, welche keine Schmerzen hatten mit Konventionen zu brechen. Sicherlich auch deswegen nicht, weil sie noch so neu in der PKW-Welt waren, dass sie garnicht wussten, was es da für Konventionen gab.


Neben dem Format des Autos war aber vor allem die Technik im Vordergrund. Relativ schnell war man an der Idee, ein Fahrzeug mit Allrad zu bauen. Allrad dank Radnabenmotoren. Wobei man auch klar sagen muss, dass es weniger Radnabenmotoren waren und mehr Räder mit aufgeflanschten Motoren. Sie waren Teil der ungefederten Masse, aber richtige Radnabenmotoren waren es auch nicht. Wenngleich ich im weiteren Verlauf von Radnabenmotoren sprechen werde. Jedes Rad bekam also seinen eigenen Motor, auf diese Weise hatten man auch relativ einfach bereits ABS serienmäßig. Begonnen hatte man damit im Jahr 1990, "Bis 1991 sprach man vor allem vom Elektroauto. Ab dieser Zeit begann man über ein mögliches Hybrid-Auto zu sprechen. Da wir uns der Einschränkungen eines rein elektrischen Fahrzeugs bewusst waren.", so Denis Berdoz, der Koordinator der verschiedenen Fahrzeuge.

Auf dieser Basis entstanden die ersten Komponententräger. Also Serienfahrzeuge, welche zerlegt und mit dem zu testenden System wieder aufgebaut wurden. Diese wurden dann auch relativ bald mit Erfolg auf einem Eisfeld in Biel und im tiefsten Winter in Schweden erprobt.

Es herrschte vermutlich sehr viel Pioniergeist und diese Zeit dürfte ziemlich spannend gewesen sein. Das junge Team wollte es der Welt zeigen und möglichst alles neu überdenken. Eine weitere Idee war auch das Lenkrad aus dem Auto zu verbannen und es stattdessen mit einem Steuerknüppel zu lenken. Das eigenentwickelte System fand Herr Hayek revolutionär und betonte, dass nicht einmal Saab es an den Mann und die Frau bringen konnte, sie es aber schaffen werden. Meines Wissens war das dann aber auch schon das Ende dieses Lenksystems. Es gab Sicherheitsbedenken, da es sich hierbei effektiv um ein Drive-by-Wire System handelte. Eine mechanische Verbindung von dem Lenkknüppel zu den Räder gab es keine mehr und entsprechend war es schlecht vor elektrischen Ausfällen auf der Autobahn zu schützen.


Die Geschichte des smart - Wie aus Hayek's Swatch car bei VW scheiterte



Die heute gerne vergessene VW-Kooperation mit swatch


Herr Hayek wusste mittlerweile auch, dass er ein Auto nicht alleine auf die Beine stellen konnte. Zwar wusste er alles über Uhren, aber fast nichts über Autos. Basierend auf dem gemachten Fortschritt beschloss er, dass es nun an der Zeit ist, diese den bekannten PKW-Herstellern zu zeigen um einen Kooperationspartner zu finden. Recht schnell fand er sich bei VW wieder, diese machten das Auto für das Volk und hiermit auch ziemlich genau das, was er machen wollte. Volkswagen selbst war von seinen Ideen und seinem Tatendrang begeistert. Besonders der damalige VW Vorstandsvorsitzende Carl Hahn fand das alles sehr spannend.

Zu Beginn dieser Zusammenarbeit ging es erstmal darum beide Firmen aufeinander einzuspielen. Die deutschen mussten lernen, dass es bei dem Projekt vor allem um die Mentalität von swatch geht und swatch musste lernen, dass VW bereits Erfahrung im Auto bauen hat und daher so manches Veto auch durchaus berechtigt ist. Bereits als es noch darum ging, welcher Hersteller es werden würde, mit dem swatch zusammen arbeitet, wollte ihnen jeder Hersteller ein Auto anpreisen, welches sie ja umbauen könnten. Bei VW war es der Chico, den sie Herrn Hayek anpriesen. Dieser ging aber sofort in den Verteidigungsmodus, wenn er "klassisches Auto" hörte. Seiner Meinung nach erwartete der Kunde etwas Außergewöhnliches. "Wenn es traditionell ist, dann ist es nicht von swatch" so sein persönliches Motto.


Ein weiteres Thema war außerdem der Preis. Das geplante Auto sollte umweltfreundlich, qualitativ gut sein und dennoch nur 7.000 Schweizer Franken kosten. Es war definitiv ein ehrgeiziges Ziel, aber alle Beteiligten sagen später in Interviews, dass man durchaus auf einem guten Weg war.

Apropos Interviews, es ist echt spannend wie viele Sprachen Herr Hayek sprach. Mindestens mal Deutsch, Englisch und Französisch. Ich denke, dass ihm in seiner Karriere nicht nur sein Charakter und sein Ehrgeiz so weit gebracht hatte, sondern auch, dass er die in Europa gängigsten Sprachen sprechen konnte und so vielen Geschäftspartner mit deren Muttersprache entgegen kommen konnte.


Die Geschichte des smart - Wie aus Hayek's Swatch car bei VW scheiterte


Im Laufe der Kooperation wurde den beiden Kooperationspartnern auch klar, dass sie eigentlich doch nicht so verschieden waren. Klar, für die Mitarbeiter gab es noch die sprachliche Barriere. swatch sprach primär Französisch und VW natürlich deutsch. Aber es war offenbar auch schön zu beobachten, dass man sich schon austauschen kann, wenn man etwas Wichtiges zu sagen hat. Außerdem gingen viele der swatch-Leute im Feierabend noch in den Deutsch-Sprachkurs. Man konzentrierte sich weiter auf das Allradsystem und erkannte wohl auch damals schon, was wir heute von unseren serien-Elektroautos wissen: Mit dem Elektromotor sind Quantensprünge möglich und eine verbesserte Traktion ist da im Prinzip nur eine Dreingabe zu all dem.

Das Allradsystem wurde 1992 weiter getestet, diesmal in Schweden. Der Prototyp, welcher aus der Kooperation hervor ging, hatte bereits eine bessere Traktion als ein VW Golf mit dem starken VR6 Motor und Allrad. Trotz dessen Sperrdifferenzial und allen sonstigen Tricks, welche dieser damals hochmoderne Golf hatte. Diese Erfolge dürften es auch gewesen sein, weshalb VW an dem Thema eben so interessiert war wie swatch. Ich denke, selbst wenn aus dem swatch car nichts geworden wäre, VW hätte mit dem restlichen Antriebsstrang schon etwas anzufangen gewusst.


Herrn Hayeks Ideen fanden vor immer größerem Publikum Gehör, er war auf seinem Höhepunkt und seine Meinung war gefragt. Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung richtete er folgendes Appell: "Als einflussreiche Meinungsbildner müsst ihr den Kampf anführen. Um unsere Gesellschaft und unser Lebensweise neu zu gestalten. Dieser Prozess soll keine bloß schützende Geste sein. In Form von Ratschlägen und finanzieller Hilfe. Wie brauchen Aktionen. Wir brauchen neue Verhaltensmuster. Neue Gesellschaftsstrukturen. Neue Ziele und neue Produkte."

In einem späteren Interview berichtete Herr Hayek stolz darüber "Der UNO-Generalsekretär für Umwelt hat mir ein großes Geschenk gemacht, indem er mir applaudiert hatte. Im großen Saal und vor der UNO Generalversammlung. Und er sagte: 'Er wird das erste ökologische Auto bauen.' Er hat vom swatch Car gesprochen. Und dann sagte er, er hoffe, dass die Leute im Saal nicht denken, dass er hier Werbung mache." Hayek konnte reden und er konnte Leute motivieren, dazu war er ein ausgezeichneter Stratege und das war es, was ihn so weit gebracht hat. Erst in der Uhrenindustrie und später auch mit seinem Auto.


Parallel dazu begann er aber auch zu merken, dass das gesteckte Ziel von 7.000 Franken nicht machbar ist. Intern sprach man mittlerweile von einem Fahrzeug, welches 14.000 Franken kosten wird und damit das Doppelte vom bisher gedachten Preis. Die Kooperation hatte Ihre erste Designstudie. Diese trug auch ein Logo, welches eine Kombination aus dem VW und swatch's SMH-Logo war.


Im August 1993 wurde dann auf einem Wolfsburger Gelände das swatch Hybrid und das swatch electric vehicle drive system ausprobiert und der Führungsetage vorgeführt. "Da applaudierten 60 Leute und es war klar zu sehen, dass das Auto potential hat" so swatch Mitarbeiter später.

Leider war es aber zu spät. Es sollte nun schnell den Berg runter gehen. Mit Herrn Carl Hahn hatte man einen guten Freund bei VW, als dieser aber von Dr. Piëch beerbt wurde, wurde es eisig. Er hielt nichts von diesem Projekt und machte daraus auch kein Geheimnis. Seine Meinung war klar, er ist selbst ein sehr guter Entwickler, er braucht kein neues Marketing, kein neues Konzept und er weiß, wie man Kleinwagen baut. Desweiteren dürfte auch noch ein guter Grund gegen die Kooperation mit VW gewesen sein, dass Herr Dr. Piëch selbst eine starke Persönlichkeit hatte, wie Herr Hayek auch.

Neben all dem stand aber auch, dass es VW zu der Zeit nicht besonders gut ging und man sehen musste, wo man kosten spart. Da war leider nichts vorhanden und damit war es aus mit dem Traum vom VW swatch car.




swatch-Auto kommt auch ohne VW!

Es war ein herber Rückschlag, zumal er auch etwas überraschend kam. Aber die Konsequenzen waren schnell zu spüren. Das halbe Team bei swatch wurde gekündigt, es war bitter. Insgesamt war es eine turbulente Zeit. Einerseits musste man mit VW alles abschließen und swatch die 50 % von VW an der Kooperation abkaufen, welche VW noch daran hielt. Andererseits kamen alle möglichen Hersteller und boten sich an. Immerhin, trotz der Turbulenzen hielt swatch an dem Projekt fest. Man wusste, das man da an etwas Großem dran ist und man hatte funktionierende Prototypen um dies zu untermauern.


Nachdem man sich mit allen möglichen Autobauern ausgetauscht hatte, sollte es mit Daimler Benz weiter gehen. Herr Hayek reizte dabei am meisten, dass diese bereits ein ähnliches Projekt am Laufen hatten und man die gleiche Ziele verfolgen würde: Einen Zweisitzer mit Platz für zwei Kästen Sprudel und den richtigen Dimensionen des Autos.


Im nächsten Artikel gehe ich darauf ein, was Daimler Benz bereits gemacht hatte, bis man sich dann mit swatch zusammentat. Eine Schlüsselfigur ist hier Herr Professor Tomforde:


Die Geschichte des smart - Wie aus dem 1969er TECC in den 90er MCC / smart wurde