22 kW im smart ED3 nachrüsten

Mit dem serienmäßigen 3,7 kW Lader braucht der smart stolze 5 Stunden um seine 100 km nachzuladen. Entsprechend wenig hatten wir in der Vergangenheit damit das Bundesland verlassen. Lediglich mal aus Spaß an der Freunde fuhr mein Vater damit eine Woche lang quer nach Dresden und ein paar Jahre später ich auch von Stuttgart nach Berlin und zurück sowie einmal in 24h 400 km an das smart Werk in Frankreich und zurück. Etwas später schaffte mein Vater ebenfalls die 400 km in 24 Stunden. Aber das war deutlich über dem, wofür das Auto mit seinen 3,7 kW gedacht war.


Im Alltag allerdings fehlt uns der 22 kW Lader bei dem smart sehr. Vor Jahren schon hatte mein Vater daher das Autohaus Maushardt in Bruchsal gefragt, ob sie nicht den Lader nachrüsten können. Können sie natürlich, aber bei einem reinen Teilepreis von über 8.000 € war das aber auch gleich wieder vom Tisch. Da wäre es deutlich wirtschaftlicher den smart zu verkaufen und einen mit 22 kW zu kaufen. Was für dieses Auto aber keine Option ist, er ist uns die letzten 250.000 km zu sehr ans Herz gewachsen.

Stattdessen wurde damals der Erstwagen dann durch eine Renault Zoe ersetzt, sie hatte 22 kW und war 2015 in Sachen Preis/Leistung ganz vorne. Das änderte aber langfristig nichts daran, dass uns der 22 kW Lader im smart fehlte. Nun endlich war es mir möglich, diesen Fehler aus dem letzten Jahrzehnt zu korrigieren. Wie das geht und was für ein Aufwand das ist, das erfahrt Ihr im Folgenden.



EQpassion wäre nichts ohne Unterstützer und Community:

Besonders erwähnen möchte ich Thomas Rebele von Tom’s Garage. Thomas ist als KFZ Meister mit Hochvoltschein eine große Hilfe. Seine Stuttgarter Werkstatt hat bereits in der Vergangenheit vielen EQpassion-Lesern geholfen kleinere und größere Defekte zu reparieren und ist voll im Thema Elektromobilität. Privat ist er vollelektrisch unterwegs, mit einem smart ED3 Cabrio und einem Tesla Model 3. Selbst seine Mitarbeiter sind mittlerweile alle vollelektrisch mit smarties unterwegs.

Desweiteren möchte ich dem ElectrifyBW-Trio rund um die spanischen car2go danken. Sie brachten knapp 100 ausgemusterte car2go smarties wieder auf Vordermann. Dank deren Hilfe konnte ich mir in Ruhe ansehen, wie die 22 kW Lader verbaut sind und hatte Zugriff auf alles Nötige.

Und zu guter Letzt Janusz Piwiński und seinem Sohn Marek Piwiński. Die beiden hatten bereits vor längerem schon einen smart auf 22 kW umgerüstet. Als ich diesen Sommer meinen Roadtrip durch Polen und Litauen machte, zeigten sie mir und meinen Eltern Warschau und erklärten außerdem, wie der Umbau durchzuführen ist. Glücklicherweise gab's da keine Überraschungen zu dem, was ich bereits wusste. Zusammen mit Hybrid Serwis Ługowski helfen sie gerne auch im Großraum Warschaus bei etwaigen Umbaugeschichten.



Teileliste und Beschaffung


Bevor es los geht braucht man erstmal alle Teile. Da es den 22 kW Lader auch ab Werk gab, wird der Umbau mit 100 % Originalteilen durchgeführt. Grob gesagt braucht man einen neuen HV-Kabelbaum, eine neue Typ 2 Ladedose, natürlich den 22 kW Lader und außerdem neue Kühlschläuche und Halterungen, in die der Lader dann verschraubt wird. Eine vollständige Liste gibt es hier:

Die Teile kosten insgesamt neu vom Händler etwa 7.800 € (Brutto). Zusammen mit den Artikelnummern solltet man die Möglichkeit haben, diese von jedem beliebigen smart und Mercedes-Händler zu kaufen. Da das aber natürlich ein stolzes Sümmchen ist, habe ich die Umrüstung mit Gebrauchtteilen ausgeführt. Meine Teile sind aus einem verunfallten spanischen car2go. Wenn man es auch mit gebrauchten Teilen machen will, kann man diese gerne in meinem Shop bestellen.



Wenn man den 22 kW Lader von der Fachwerkstatt verbauen lassen will, dann würde ich Toms Garage in Stuttgart empfehlen. Der Einbau sind dann nochmal etwa 1.000 €.


Wichtig beim Gebrauchtteilekauf:

Es gibt für den 22 kW Lader zwei verschiedenen AC-Anschlüssen für die Typ 2 Dose. Da muss es irgendeinen Wechsel in 2015 gegeben haben, achtet darauf, dass die Typ 2 Dose auch in den 22 kW Lader passt. Am besten beides zusammen kaufen.


So sehen 3,7 kW Lader und 22 kW Lader zusammen mit der passenden Typ 2 Dose aus. Der 22 kW Lader ist rechts, der 3,7 kW Lader links:


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten


Das sind die beiden Kabelbäume nebeneinander. Der untere ist für 22 kW:


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten



Der Umbau - 3,7 kW raus, 22 kW rein


Der Umbau selbst ist in der Theorie recht einfach, in der Praxis aber dann zeitaufwändig und anstrengend. Zuerst zur Theorie:

Wir müssen das Ladegerät tauschen, der 3,7 kW Lader muss raus, er wird nicht mehr gebraucht. Seinen Job übernimmt zukünftig der 22 kW Lader, dieser kann von 1,4 kW bis 22 kW alles laden. Außerdem muss die Typ 2 Dose durch eine 3 phasige ersetzt werden. Zu guter Letzt muss nahezu der komplette HV-Kabelbaum getauscht werden. Dieser hat einen anderen Stecker für das Ladegerät und auch eine größere Sicherung für das Ladegerät.


Nun zur Praxis:

Zuerst den ServiceDisconnect ziehen, sodass das Fahrzeug, spannungsfrei ist. Daraufhin muss der smart auf die Hebebühne und die Heckschürze weg. Nur so kommt man vernünftig an die nötigen Schrauben um die Typ 2 Dose zu tauschen.


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten


Nun können wir das gesamte hintere Fahrgestell runter lassen, das vereinfacht uns die Arbeit und die Halter für den 22 kW Lader später bekommen wir anders nicht befestigt.


Tipp:

Bei dieser Gelegenheit kann man auch mal nach dem Motorlager und dem Achslager gucken. Beide sind nicht besonders teuer und der Fahrkomfort so wie der Geradeauslauf wird besser, wenn man sie erneuert. Die Spur (Achslager) müssen wir später sowieso neu einstellen.


Jetzt muss der 3,7 kW Lader raus, die Typ 2 Dose ist direkt in ihn eingesteckt. Er befindet sich zwischen Getriebe und hinterer Stoßstange. Außerdem kann man bei der Gelegenheit die Halter für den 3,7 kW Lader abschrauben, sie werden nicht mehr benötigt. Der linke Halter ist am Getriebe befestigt, der andere am Motorhalter.


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten


Nun erreichen wir auch wunderbar die beiden Kühlschläuche, welche getauscht werden müssen. Den Mechanismus lösen und den Schlauch am Verteiler entfernen.


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten


Bei dieser Gelegenheit kann man direkt die neuen Schläuche verbauen. Den kurzen links, den langen rechts. Als nächstes stehen die Halter an: Diese müssen, wie im folgenden Bild gezeigt, mit dem Fahrzeug verschraubt werden. Dazu fehlen teilweise Gewindehülsen im Fahrzeugrahmen. Mit den Haltern kann man die Positionen markieren und mit entsprechendem Werkzeug dann die Gewindehülsen setzen. Teilweise werden sie auch mit vorhandenen Schrauben für die Stoßstange fest geschraubt.

Jetzt ist es an der Zeit den HV-Kabelbaum zu tauschen. Alle orangenen Kabel gehen in eine Box, welche von rechts auf den Inverter geschraubt wurde. Löst alle Stecker, welche Kabel mit den einzelnen Komponenten verbinden. Dann schraubt man sie vom Inverter ab und nimmt den ganzen Kabelbaum heraus. Der Einbau des neuen Kabelbaums erfolgt wie beim alten, nur rückwärts. Dabei muss man aufpassen, dass man das Kabel für den Akku auch in den Akku steckt. Nicht mit dem für den 22 kW Lader verwechseln, die Stecker sind gleich. Aber das Kabel für den 22 kW Lader reicht nicht runter zum Akku und die Sicherung in der Sicherungsbox wäre auch zu klein für den Akku.


smart 451 von 3,7 kW auf 22 kW aufrüsten


Jetzt könnt man alles anschließen, den 22 kW Lader einbauen und verschrauben. Später kommt man nicht mehr so schön an die Schrauben dran. Wenn das erledigt ist, kann man das Fahrgestell wieder mit seinen 4 Schrauben am smart befestigen. Da das Fahrgestell ausgebaut war, kommt man auch nicht umher die Spur neu vermessen zu lassen.


Nun kann man alles fertig machen, die Heckschürze wieder verbauen und nochmal prüfen, dass alle Stecker richtig sitzen und nichts vergessen wurde. Wenn man alles richtig gemacht habt, dann sollte der smart nun wieder voll funktionsfähig sein und auch schon laden, allerdings ausschließlich mit bis zu 3,7 kW. Die 22 kW müssen noch freigeschaltet und die Fahrgestellnummer in das Ladegerät eingetragen werden.


Bevor man den Lader nun aber richtig in Betrieb nehmt, empfiehlt es sich den Füllstands des Kühlwassers zu überprüfen und gegebenfalls wieder aufzufüllen. Verwendet wird ein 50 / 50 Gemisch aus Wasser und Glykol. Außerdem muss der Kühlkreislauf entlüftet werden. Am besten mittels dem entsprechenden Entlüftungsprozess vom Daimler-Werkstattgerät, andernfalls indem man den smart 30-60 min an der Steckdose langsam laden lasst. Das Entlüftungsproramm vom Daimler-Werkstattgerät würde ich allerdings stark bevorzugen.


Für die ganze Geschichte hatten wir 2x 8 Stunden gebraucht.



Freischaltung des 22 kW Laders


Wie immer halte ich mich hier etwas zurück, da man hier sehr viel sehr falsch machen kann. Bitte überlasst das wem, der weiß welche Programme er hierzu braucht und diese zielsicher bedienen kann. Freischaltung des 22 kW Laders ist für geübte Werkstätten kein Hexenwerk, wer Teile am smart 451 freischalten kann, kann auch den 22 kW Lader freischalten. Außerdem muss die Fahrgestellnummer des Fahrzeugs im 22 kW Lader eingetragen werden. Fragt einen Profi nach der Freischaltung oder kommt damit nach Stuttgart zu Tom's Garage. Dort habe ich sowohl den Austausch gemacht, als auch alles freischalten lassen.



Glückwunsch, nun ist der 22 kW Lader verbaut und Dein smart deutlich flexibler.



Was es außerdem noch zu sagen gibt


Fahrzeuge, welche ab Werk einen 22 kW Lader verbaut haben, haben außerdem einen Kühlkreislauf, bei dem sie wahlweise die Klimaanlage oder ein 600 W Heizgerät zuschalten können. Diesen haben europäische Fahrzeuge mit 3,7 kW nicht. Glücklicherweise wird dieser aber auch kaum bis garnicht gebraucht. Sollte der smart dennoch so warm werden oder kalt sein, dass diese extra Funktion nötig wäre, wird der smart die Ladeleistung drosseln. Bei meiner 500 km Testfahrt (30 °C Außentemperatur) blieben die Akkutemperaturen im Rahmen und es wurde nichts gedrosselt. Lediglich das Ladelimit wurde etwas runter gesetzt, was beim smart ED3 aber normal ist und mittlerweile auch Teil des FAQs: Warum hat mein smart ED heute Nacht nur auf etwa 90 Prozent geladen?

Selbstverständlich sind solche Umrüstungen auf eigenes Risiko, ich übernehme keinerlei Haftung für die hier erfolgten Aussagen.